Frau Karin Paul, Seesen am Harz

Hallo Heike,

seit zwei Jahren reite ich jetzt bei Dir- und  Du hast mich praktisch immer im Ausnahmezustand erlebt. Zur Vorgeschichte: Vor 8 Jahren hatte ich eine Borreliose, die wurde erst erkannt, als die halbseitige Gesichtslähmung da war. Davor lagen wochenlange Schlaflosigkeit, Hyperaktivität und Schmerzen, die Wirbelsäule immer rauf und runter. Zum nächsten Geburtstag schenkte mir eine Freundin eine Reitstunde, es machte mir Spaß und ich machte weiter. Ein paar Stunden an der Longe, dann in einer kleinen Abteilung. Der Druck wuchs dort aber, und ich merkte, dass Gleichgewicht und Koordination nicht mehr die alten  waren. Dann hatte ich innerhalb von 14 Tagen zwei Vollnarkosen, die zweite für die große Unterleibs- OP , Schnitt quer über den Bauch. Danach war das Gleichgewicht völlig kaputt: unmöglich, über eine 30 cm breite Pfütze zu hüpfen, an einen kleinen Graben gar nicht zu denken. Große Höhen waren schon immer ein Problem, aber nun gingen auch ein paar Stufen auf der Leiter nicht mehr. Ich stolperte meine Treppe rauf und runter… Klar, dass ich das Reiten aufgeben mußte, denn die Angst überwog in dieser Situation den Spaß um Längen. Ein gutes Jahr danach wollte ein befreundetes kleines Mädchen unbedingt, dass ich zu Dir zum Weihnachtsreiten komme und mir anschaue, was sie schon alles kann. Das fand ich toll. Was mich aber wirklich faszinierte, war, Deine Art mit den Kindern zu arbeiten. Mir war klar, wenn ich so reiten dürfte, dann könnte auch ich es lernen. Ein halbes Jahr später lief der Kurs „Feldenkrais und Pferd“, ich nahm teil, war wieder fasziniert und meldete mich bei Dir zum Reiten an. Das ausgemachte Ziel: mein Gleichgewicht fordern und fördern und dabei möglichst ein bißchen Reiten zu lernen.  Schon nach wenigen Unterrichtsstunden war ich auf meiner Treppe wieder sicher, traute mich auf die Leiter, hüpfte über Pfütze und Graben. Die in der OP durchtrennten tiefen Bauchmuskeln fingen wieder an zu arbeiten, die Koordination verbesserte sich zusehends, selbst am Computer beim Tetris-Spielen zeigten sich nach jeder Stunde deutliche Unterschiede. Das zunehmende Tempo verlor seine Schrecken – am Computer und auf dem Pferd. Es entstand eine völlig neue Lebensqualität! Das Leben suchte nun nach neuen Herausforderungen für mich. Mein Vater wurde krank und starb, seine Witwe mußte den Hausstand auflösen… das alles begleitete ich fast ein Jahr lang, indem ich im 3-Tage Takt nach Berlin und wieder in den Harz fuhr und nebenbei auch noch mein Geschäft immerhin auf Sparflamme am Laufen hielt, plus ein paar andere Kleinigkeiten. In dieser Zeit war die wöchentliche Reitstunde ein Segen für mich. Sie sortierte und erdete mich immer wieder, holte mich aus Stimmungstiefs, gab mir Mut und Kraft. Und ich war stolz, wie die ganz Kleinen bei Dir nun eine Mühle im Schritt drehen zu können. Doch damit nicht genug. Als eigentlich das Schlimmste vorbei war, bekam ich einen Schlaganfall. Der linke Arm war sehr lahm, das linke Bein war auch nur wenig koordiniert, die Feinmotorik zum Heulen. Ich war eine Woche im Krankenhaus und verblüffte die Physiotherapeutin dort damit, dass ich trotz der Einschränkungen ohne zu schwanken auf einer Linie vor- und rückwärts gehen konnte und mich auf der Treppe kaum am Geländer festhielt.  Das kommt von meinem phänomenalen Reitunterricht, erklärte ich ihr. Zwei Tage nach meiner Entlassung saß ich wieder auf dem Pferd, mußte mich hinfahren lassen und brauchte Hilfe beim Aufsteigen. Das Krankenhaus leitete die versprochene Reha nicht ein – und das war mir schließlich auch recht so. Jede Reitstunde puzzelte mich ein Stück weiter zusammen: oben-unten, vorne-hinten, rechts-links. Bald konnte ich wieder gehen, ohne darüber nachzudenken, erst einige Schritte, dann immer längere Strecken. Irgendwann waren auch die Arme wieder genug einbezogen, dass ich selbst zur Reitstunde fahren konnte, mit Messer und Gabel essen, mich waschen, kämmen und auch die Zopfgummis reinfummeln und mir unfallfrei die Zähne putzen. Der linke Arm forderte aber  weiter unsere Aufmerksamkeit. Du hattest immer neue Übungen für mich, große und kleine, für Grob- und Feinmotorik. Ich glaube, dass keine andere Reha mich mit so viel Freude und Spaß so weit gebracht hätte! Nach 8 Monaten fahre ich nun wieder Auto wie früher, kann mich hinreichend konzentrieren, bin koordiniert, klettere auf die Leiter, um das Grün an meiner Pergola zu beschneiden, schreibe und zeichne mit links, spiele auf meinem Keyboard oder der Gitarre fast wie vorher, stricke, häkle und kann sogar die Fenster putzen. Und wenn mich doch mal was plagt, dann fällt Dir ganz sicher wieder eine Übung ein, die in Zusammenarbeit mit Deinen Pferden auch da den richtigen Schubs für eine Neuorganisation gibt.

Ach ja, und bei all dem habe ich doch tatsächlich auch noch eine Menge an Reiten gelernt!

Vielen Dank!!!